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Was ist Mobilitätserziehung

Was ist Mobilitätserziehung?
Nachfolgend finden Sie Informationen von Philipp Spitta, Grundschullehrer, Buchautor und Dozent für Verkehrspädagogik. Der Text spricht eine sehr deutliche Sprache und hat bereits z.t. Widerspruch von Lesern hervorgerufen. Er soll jedoch weiter als Diskussionsbeitrag dienen.

1. Einleitung

"Platz da! Kinder spielen draußen!" ist das Motto einer VCD-Kampagne. Unter vier Themenschwerpunkten hat der VCD auf die Benachteiligung von Kindern im Straßenverkehr hingewiesen und versucht, Änderungen herbeizuführen.


1. Gesundheit: Kinder sind durch den zunehmenden Straßenverkehr gesundheitlich erheblich gefährdet. Allergien und Asthma, aber auch Lärmbelästigung können bleibende Schäden oder Entwicklungsstörungen bei Kindern verursachen.


2. Unfälle / Entschleunigung: Kinder werden immer wieder zu Unfallopfern. Gründe für viele Verkehrsunfälle sind überhöhte Geschwindigkeiten und autogerecht gestaltete Städte. Nur durch eine konsequente und flächendeckende Verkehrsberuhigung werden die Straßen auch für Kinder wieder sicherer.


3. Spielraum: Durch fahrende und parkende Autos ist der Erlebnis- und Spielraum von Kindern erheblich eingeschränkt. Aufgrund der Gefährdungen halten sich Kinder seltener draußen auf.


4. Mobilitätserziehung: In den Schulen werden die Kinder zur Zeit im Rahmen der Verkehrserziehung an die bestehenden Verkehrsverhältnisse angepaßt. Der VCD will die alte autoorientierte Verkehrserziehung durch eine umweltorientierte Mobilitätserziehung ersetzen.

Zu den ersten drei Schwerpunkten der Kampagne stehen vielfältige Erfahrungen und Konzepte durch die VCD-Arbeit zur Verfügung. So sind beispielsweise für eine Entschleunigung des Verkehrs, eine Fußgänger/innenfreundliche Stadt und zum Thema Gesundheit (Sommersmog/Ozon) viele Aktionen vorbereitet und durchgeführt worden.
Im Bereich von Schule und Erziehung hat der VCD allerdings bisher nur wenige Erfahrungen sammeln können. Dies will der VCD nachholen. Ein Schwerpunkt ist daher weiterhin das Ziel der Veränderung der schulischen Verkehrserziehung. Auf der Ebene vieler Landes- und Kreisverbände betritt der VCD damit Neuland. Für die VCD-Aktivist/Innen, Lehrer/Innen usw., die sich diesem Bereich vor Ort widmen wollen, ist eine Einarbeitung ins Thema daher empfehlenswert.
Zahlreiche Aktionen im Rahmen der VCD-Kampagnen sind Aktionen für Kinder und von den Organisationsformen her eher bekannte Ansätze, wie z.B. Straßenfest, Infotisch, Pressearbeit usw. Im Bereich von Schule und Unterricht handelt es sich aber um Aktivitäten mit Kindern und dies stellt ganz andere Anforderungen an die Aktiven als die "normalen" VCD-Aktionsformen.

Um den Einstieg in den Bereich Schule und Erziehung etwas zu erleichtern, wird im folgenden über das neue Konzept der VCD-Mobilitätserziehung eine kurze Übersicht gegeben. Um die Unterschiede zwischen der alten, autoorientierten Verkehrserziehung und dem Konzept des VCD deutlich zu machen, wird zuerst die Verkehrserziehung der Autolobby dargestellt und im folgenden die VCD-Mobilitätserziehung skizziert.
Es werden für die Arbeit vor Ort einige Empfehlungen zur Umsetzung der Mobilitätserziehung gegeben sowie mögliche Kooperationspartner dargestellt und - wo nötig - kritisiert.
Da es sich bei diesen Handreichungen nur um einen kurzen Überblick handelt, wird auf der VCD- Homepage auf weiterführende Literatur hingewiesen.

2. Die Verkehrserziehung der Autolobby

Schon zu einer Zeit, als es kaum Autos gab, verstanden es die Freunde des "Motorsports" ihre Interessen durchzusetzen. Störende Elemente sollten von der Fahrbahn verschwinden, um freie Fahrt zu ermöglichen. 1914 schrieb ein begeisterter Autofahrer: "Auf den Landstraßen, die plötzlich durch die rasch fahrenden Kraftwagen wieder belebt worden sind, treiben sich nach wie vor Fuhrwerke, Leute und Tiere ordnungswidrig herum, als ob sie allein auf der Welt wären." (Riedler 1914, S.21). Diese "ordnungswidrigen Elemente", besonders auch frei spielende Kinder, sollten dazu erzogen werden, die Gefahren durch den Autoverkehr zu erkennen und sich "verkehrsgerecht" zu verhalten.
Verkehrserziehung wurde schon in den 20er Jahren als eine wichtige Aufgabe der Schulen angesehen. Es fanden sich finanzstarke Förderer, die bis heute Ziele und Inhalte der Verkehrserziehung bestimmen.
Um die auf der Fahrbahn störenden Kinder in die richtigen Bahnen zu lenken, wurde 1924 die noch heute aktive "Deutsche Verkehrswacht" von den ersten Automobilclubs gegründet. Auch heute tummeln sich in verschiedenen Organisationen der "Verkehrssicherheit" (Deutscher Verkehrssicherheitsrat, Deutsche Verkehrswacht) neben den staatlichen Stellen vor allem Vertreter der Autolobby. Neben dem ADAC sind wichtige Autohersteller engagiert sowie die Ölindustrie.

Offizielles Ziel der Bemühungen ist es, die Zahl der Unfälle, an denen Kinder beteiligt sind, zu senken. Die Kinder lernen, bei Grün zu gehen, sie werden gedrillt, am Bordstein anzuhalten, sie dürfen nicht mehr am Fahrbahnrand spielen usw. In den 50er Jahren wurde noch ganz offen davon gesprochen, welches Menschenbild hinter dieser Verkehrserziehung stand: Das Kind sollte zu einem Menschen erzogen werden, "...der von sich aus die Ordnung liebt und sucht ... und sich deshalb auch in ein Ordnungsgefüge, wie es die Straßenverkehrsgesetzgebung darstellt, willig eingliedert." (Vonolfen 1954, S.16).

Heute sind die Töne der Verkehrssicherheitsverbände wesentlich moderater, an vielen Stellen haben sich aber die inoffiziellen Ziele der Verkehrserziehung - Unterwerfung und Motorisierung - gehalten:
Dieter Hohenadel, einer der wichtigen bundesdeutschen Verkehrserzieher, stellte 1983 dazu fest: "Kinder von heute sind Autofahrer von morgen. Verkehrserziehung hat nicht nur den Sinn, einen Vierjährigen dazu zu bringen, am Fahrbahnrand anzuhalten und sich umzusehen. Sie hat auch den Zweck, ihn auf seine spätere motorisierte Verkehrsteilnahme vorzubereiten." (Hohenadel 1983 zit. nach Herzog-Schlagk 1991, S.5).
Wenn jährlich verkündet wird, daß etwa statt 411 nur noch 405 Kinder im Verkehr getötet wurden, feiern die Verkehrssicherheitsorganisationen das als Erfolg ihrer verkehrserzieherischen Bemühungen. Es ist nicht auszuschließen, daß durch die Aufklärungsarbeit über die Gefahren im Straßenverkehr weniger Kinder draußen spielen. In der Wohnung können sie dann natürlich nicht mehr überfahren werden. Auch die Tatsache, daß Kinder aus Sicherheitsgründen mit dem Auto zur Schule gebracht werden, trägt zur Verbesserung der Statistik bei. Was diese Einschränkungen für die Entwicklung der Kinder bedeuten, wird von den Organisationen allerdings nicht thematisiert!

Angesichts des momentanen Verkehrs müssen Kinder natürlich auf die Gefahren hingewiesen werden. Ob aber die klassische Verkehrserziehung mit Bordsteindrill, Lernen von Verkehrsschildern und Fahrradprüfung der richtige Weg ist, der wirklich zu weniger Unfällen - bei gleicher kindlicher Mobilität -führt, ist sehr fragwürdig.
Anstatt die Kinder dem Verkehr anzupassen, sollte sich der Verkehr den Kindern anpassen! Effektiver als jegliche Verkehrserziehung ist aus Sicht des VCD eine flächenhafte Verkehrsberuhigung in Städten und Gemeinden. Aber damit tun sich viele Sponsoren der Verkehrssicherheitsarbeit schwer, man denke nur an die ADAC-Argumente gegen Verkehrsberuhigung.
Es liegt der Verdacht nahe, daß die bisher betriebene schulische Verkehrserziehung der Autolobby als Alibi für eine uneingeschränkte freie Fahrt dient: Die Verantwortung für die "Sicherheit im Verkehr" wird dabei den schwächsten Verkehrsteilnehmern aufgeladen. Und wenn diese nicht aufpassen und die ihnen vermittelte Verkehrserziehung nicht anwenden, wird ihnen nach bundesdeutscher Rechtsprechung in vielen Fällen die Unfallschuld angehängt.

Zwar gibt es seit einigen Jahren auch neue Ansätze bei den Verkehrssicherheitsverbänden, aber insgesamt ist an vielen Stellen noch der "alte Geist" vorhanden. Häufig sind es die Lehrer/innen, die die Verantwortung für die Verkehrserziehung an die Vertreter/innen von ADAC oder Polizei abgeben. Die Verkehrserziehung steht dann isoliert neben den sonstigen Inhalten des Unterrichts und ist in Gefahr, Einseitigkeiten unterworfen zu werden. Wer die autoorientierte Verkehrserziehung des ADAC näher unter die Lupe nehmen möchte, sollte in die Handreichungen für Erzieher/innen "ADAC-Signale" schauen.

Die Aufgabe des VCD ist es, neue Impulse für die Verkehrserziehung zu vermitteln. Neben oder anstelle der klassischen Sicherheitserziehung müssen Aspekte der Umwelt-, Gesundheits- und Sozialerziehung treten. Schülerinnen und Schüler müssen Alternativen zum Auto kennen- und benutzen lernen. Wie diese neue Mobilitätserziehung aussehen könnte, wird weiter unten skizziert. Zuvor werden noch einzelne Fakten über die Probleme von Kindern im Verkehr dargestellt.

3. Kinder und Verkehr

Straßen sind für Kinder wie Grenzen. Parkende und fahrende Autos schränken den selbständig zu erschließenden Erfahrungsraum von Kindern zunehmend ein. Wo sich der Nachwuchs noch vor einigen Jahrzehnten in Kreisen um die elterliche Wohnung ohne große Kontolle seine Welt erobern konnte, ist er heute -anscheinend- darauf angewiesen, mit Hilfe der Eltern zwischen Schule, Freunden, Sport- und Musikunterricht hin und her transportiert zu werden. Man spricht von der "Verinselung" der Kindheit (Zeiher 1983, 1990; Hopf 1989). Auf der Straße spielende Kinder gibt es zwar noch, aber insgesamt seltener. Aber nicht nur das Spielen im Freien ist durch den Autoverkehr eingeschränkt, zunehmend werden Kinder durch die verkehrsbedingten Schadstoffe in ihrer Gesundheit beeinträchtigt. Sehr lesenswert ist in diesem Zusammenhang das Buch von Hermann Gloning und Stephan Böse "Gesundheitsrisiko Auto" (1995).
Die Folgen von Abgasen und Sommersmog, aber auch von Straßenlärm auf die Entwicklung der Kinder sind bisher kaum untersucht worden. Von diesen indirekten Gesundheitsschäden sind aber weit mehr Kinder betroffen sind, als von Unfällen- und das sind bundesweit jährlich schon über 50.000.
Deutschland steht im europäischen Vergleich in bezug auf Unfälle, in die Kinder als Radfahrer und Fußgänger verwickelt sind, besonders schlecht da. In Anbetracht der bestehenden automobilen Gesellschaft wird sich die Situation für Kinder im Verkehr nicht von heute auf morgen ändern. Realistisch gesehen bleibt also, neben der Forderung einer konsequenten Entschleunigung und der Reduzierung des Autoverkehrs, die Notwendigkeit bestehen, Kindern zu helfen, im (Verkehrs-)Alltag zu überleben. In diesem Zusammenhang müssen ihnen auch die Gefahren des Verkehrs deutlich gemacht werden. Dies ist überlebenswichtig. Dieser Aspekt kann und darf aber nicht mehr das einzige Motiv der Verkehrserziehung sein. Wie die alte Verkehrserziehung verändert und erweitert werden kann, welche Themen und Inhalte die neue Mobilitätserziehung ausmachen, wird im folgenden skizziert.

4. Die VCD-Mobilitätserziehung

Wenn hier von einer VCD-Mobilitätserziehung die Rede ist, handelt es sich dabei nicht um ein in sich geschlossenes Konzept, das seit Jahren erprobt wurde und nun der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Vielmehr versuchte der VCD, sich mit der Kampagne "Kinder im Verkehr" ab 1996 diesem Thema anzunähern und Richtungen aufzuzeigen, in die die Arbeit gehen könnte. Bis 1996 lag als einzige VCD-Veröffentlichung auf Bundesebene zu diesem Thema eine Mappe für die Sekundarstufe I vor. In dieser Handreichung wird vor allem auf die Mobilitätserziehung im Bereich der Grundschule eingegangen und aufgezeigt, welche Möglichkeiten hier vorhanden sind.
Eine neue Orientierung in der schulischen Verkehrserziehung ist nicht eine Erfindung des VCD. Allerdings will der VCD durch den Begriff "Mobilitätserziehung" eine Abkehr von den alten und autoorientierten Konzepten der Verkehrserziehung deutlich machen. Schon seit einigen Jahren fordern Expert/Innen neue Ansätze. Der ADFC (Briese u.a.) und einige Vertreter/innen des DVR (Bleyer u.a.), aber auch die Kultusminster/Innen der Länder haben hier neue Wege aufgezeigt. 1994 wurde auf der Kultusministerkonferenz eine neue Empfehlung für die Verkehrserziehung in allen Schulstufen verabschiedet. Darin wird gefordert, daß diese neben dem Sicherheitsaspekt auch Umwelt- und Gesundheitsthemen sowie Sozialerziehung berücksichtigen muß.
Leider werden an den Schulen solche Empfehlungen häufig nicht wahrgenommen. Schon 1972 gab es recht fortschrittliche Beschlüsse der Kultusministerkonferenz zur Verkehrserziehung, die aber in der Schulrealität kaum umgesetzt wurden. Das Problem ist einerseits ein mangelndes Interesse seitens der Lehrer/Innen aber andererseits auch das Beharrungsvermögen der sog. Verkehrssicherheitsorganisationen.

Neben den im folgenden nur grob skizzierten Ideen für schulische Mobilitätserziehung wurden in der Mappe zur VCD-Kampagne "Kinder im Verkehr" beispielhafte Aktionen gesammelt worden, die als Anregung dienen sollen. Weitere Möglichkeiten finden sich in der angegebenen Literatur.

4.1. Stadtteilerkundungen / Verkehrsprojekte
Es ist aus dem bisher Ausgeführten deutlich geworden, daß es mit dem VCD kein einseitiges Sicherheitstraining oder das Auswendiglernen von Verkehrsschildern geben kann. Der VCD will vielmehr die Kinder dazu ermutigen und sie dabei unterstützen, ihren Stadteil und ihre Lebensumwelt aktiv zu entdecken.
Die gemeinsamen Erkundungen des Stadtteils oder Dorfes können unter verschiedenen Aspekten durchgeführt werden. Es können Pflanzen in Mauerritzen gesucht, Spielmöglichkeiten und Treffpunkte erkundschaftet, die Einkaufsmöglichkeiten oder die Geschichte des Wohnortes untersucht werden. Bei diesen Erkundungen spielt natürlich auch der Verkehr eine Rolle: Kinder lernen situativ und auf konkrete Stellen bezogen mögliche Gefährdungen kennen.
Der Verkehr kann aber auch in den Mittelpunkt der Erkundung treten. Die Kinder beobachten das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer/innen und lernen dabei, daß sich nicht immer alle an die Regeln halten. Ampeln werden untersucht, die Dauer der Rot- und Grünphasen für Fußgänger/innen mit der Stoppuhr gemessen und mit denen für Autos verglichen. In Zusammenarbeit mit dem VCD und den Eltern können verbesserte Ampelschaltungen oder weitere Überquerungshilfen gefordert werden.
Besonders beliebt bei Schüler/Innen sind Geschwindigkeitsmessungen von PKW's vor der Schule. Mit Hilfe der Polizei können Raser/Innen von den Kindern direkt angesprochen werden.

Ziel dieser und ähnlicher Aktionen (siehe Literaturliste, VCD-Aktion "Platz da! Kinder werden aktiv", VCD-Schulwegprojekt und Beispiele in der Aktionsmappe) ist es, die Kinder zu einem kritischen und wachen Blick auf ihre Verkehrsumwelt anzuregen. Flexibles und soziales Verhalten sind in diesem Zusammenhang wichtige Aspekte, die mehr Bedeutung haben als das unreflektierte Lernen von Regeln.

4.2. Schulwegpläne
Mit Hilfe von VCD-Vertreter/Innen sowie aufgeschlossenen Kolleg/Innen und Eltern an den Schulen kann neben der Analyse der Verkehrsbedingungen und dem Wahrnehmen von Gefahren ein weiterer Schritt erfolgen: Der Versuch, die Verkehrsumwelt zu ändern und zu verbessern.
In vielen Bundesländern gibt es gesetzlich verankerte Bestimmungen zu Schulwegplänen. Über dieses Instrument können unter Umständen Gemeinden zu Umbaumaßnahmen, Temporeduzierungen und Veränderungen in der Verkehrsführung im Schulbezirk gezwungen werden. Es lohnt sich in diesem Zusammenhang, vor Ort die Möglichkeiten auszutesten. Mit den Eltern als Lobby im Rücken und mit Hilfe der lokalen Presse läßt sich vielleicht etwas erreichen. Für die Schüler/Innen würde deutlich, daß die bestehenden Verkehrsbedingungen und der Verkehr, vor denen viele Kinder Angst haben, veränderbar sind.

4.3. Kinder nicht funktionalisieren / Keine "Zeigefingerpädagogik"
Wichtig ist, daß die Kinder nicht funktionalisiert werden. Man sollte nicht denselben Fehler wie der ADAC begehen und die Schüler/Innen „vor seinen Karren spannen". Ebenso wenig sinnvoll erscheint es, bei der Mobilitätserziehung das Auto zu verteufeln. Kinder haben zum Auto ein recht ambivalentes Verhältnis. Sie erleben es einerseits als bedrohlich und als Ärgernis, wenn es ihren Spielraum eingrenzt oder behindert, andererseits nehmen sie das Auto als Möglichkeit wahr, eben dieser Begrenzung zu entfliehen. Desweiteren pflegen natürlich viele Eltern, besonders die Väter, eine innige Beziehung zu ihrem Auto. Das ist aus Sicht des VCD zwar bedauerlich, aber dafür können die Kinder nichts. Wir sollten sie nicht durch moralische Sanktionen in Konflikt mit dem Elternhaus bringen.

4.4 Öffentlicher Nahverkehr im Unterricht
Viel wichtiger, als das Auto zu kritisieren, ist, ein positives Erleben von Alternativen zum Auto zu ermöglichen. Viele Kinder sind noch nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder der Eisenbahn gefahren.! Hier bieten sich je nach den Gegebenheiten vor Ort vielfältige Erfahrungsräume an. Im Bereich einiger größerer Verkehrsverbünde liegen hilfreiche Unterrichtsmaterialien zum Thema öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) vor, die auch über diese Homepage des VCD Aachen abzurufen sind. Einige Verkehrsbetriebe bieten in diesem Zusammenhang auch Besichtigungen der Betriebsanlagen und Sonderfahrten an. Aber auch im Schulalltag, bei Ausflügen und Klassenfahrten, können viele Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden. Besonders spannend läßt sich mit Schüler/Innen (ab der 5. Klasse) das Detektiv-Spiel "Scotland Yard"- nicht auf dem Spielbrett,- sondern "live" verwirklichen. Einige Kindergruppen jagen den Spion Mr. X durch das Netz des städtischen Nahverkehrs. So lernen die Kinder spielerisch den
Umgang mit Fahrplänen und Taktzeiten kennen. Sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln auszukennen, bedeutet für Kinder, selber mobil und damit selbständiger zu werden.
Der VCD vor Ort kann seine Kontakte zu den Verkehrsbetrieben nutzen, um den Schulen die Hemmschwelle vor diesem außerschulischen Lernort zu nehmen. Er kann Schulen mit Fahrplanberatung behilflich sein oder bei ÖPNV-Ralleys und "Mr. X"-Spielen mitmachen bzw. diese organisieren.

4.5. Radfahren
In der Grundschule ist durch die obligatorische Radfahrprüfung meist in der 4. Klasse das Thema Verkehr auf der Tagesordnung. Leider werden dann nur isoliert Vorfahrtsregeln gelernt, anschließend mit dem ADAC-Fahrradparkours auf dem Schulhof geübt und abschließend nach der Prüfung den Schüler/innen ein führerscheinähnlicher Ausweis in die Hand gedrückt. Das muß nicht sein. Der ADFC hat auf diesem Gebiet auch bei den traditionellen Organisationen zum Glück schon ein Umdenken bewirkt. Die schulpädagogischen Berater/Innen des ADFC haben sowohl in bezug auf die Verkehrssicherheitsorganisationen, wie auch im Bereich von Schulen, durch konkrete Hilfen für Lehrer/Innen wertvolle Arbeit geleistet und Teile der Radfahrausbildung reformieren können.
Wünschenswert wäre es, wenn das Fahrrad im Laufe der Schulzeit häufiger zum Thema würde. Fahrradwerkstätten gehören an die Schulen. Zum Bereich Technik und Fahrrad läßt sich einiges im Unterricht bewerkstelligen. Der VCD könnte durch öffentlichkeitswirksame Aktionen helfen, daß Schulen eigene Fahrräder für die Fahrradwerkstatt und den Unterricht bekommen. (Natürlich muß mindestens ein/e Lehrer/In die Sache in der Schule durchsetzen...).
Viele VCD-Aktive haben "exotische" Fahrräder (Bromton, Liegerad, Leitra usw.) oder kennen Leute, die solche besitzen. Bei einem Fahrradprojekttag böte es sich an, zu zeigen, wie vielseitig und unterschiedlich Fahrräder sein können.

4.6. Umwelterziehung / politische Bildung

Umweltaspekte gehören in den Unterricht. Das Thema Verkehr und Umwelt spielt dabei eine wichtige Rolle. In der Sekundarstufe kann dieses Thema auch unter einer politischen Perspektive angesprochen werden. Der VCD kann im Rahmen der politischen Bildung in den Unterricht einbezogen werden. Neben den Parteien sind Bürgerinitiativen und Gruppen wie der VCD ein wichtiges Element der Gesellschaft und Öffentlichkeit. Der VCD kann sich hier als Gesprächspartner anbieten und seine Arbeit in der Schule vorstellen.
Das oben angesprochene Engagement für Veränderungen des Verkehrs im Schulbezirk ist natürlich auch ein Element von politischem Lernen. Je nach Schulstufe können die Schüler/Innen in diesen Prozeß mehr oder weniger stark eingebunden werden. Im Grundschulbereich hat die Umwelterziehung noch einen anderen Schwerpunkt. Hier kann Umweltunterricht ganz konkret werden. In vielen Schulen entstehen in diesem Zusammenhang beispielsweise Schulgärten. Eine gute Möglichkeit zur Stadtteilbegrünung bieten auch Pflanzkübel an der Bordsteinkante (z.B. im Bereich vor der Schule), die gleichzeitig das Parken auf dem Bürgersteig verhindern. Eine solche Aktion wurde erfolgreich in Hannover durchgeführt.

4.7 Elternarbeit
Es ist es für den Erfolg von Aktionen im Schulbereich absolut notwendig, mit den Eltern zusammenzuarbeiten. Gerade bei Projektwochen und Aktionen im Stadtteil ist die Hilfe von Eltern nötig. Aber auch inhaltlich sollten die Eltern wissen, was im Unterricht im Rahmen der Mobilitätserziehung stattfindet und was erreicht werden soll. Sinnvoll ist es, bei Elternabenden den VCD und/oder Verkehrsbetriebe einzuladen und auch die Mobilitätserziehung vorzustellen. Viel mehr als die Kinder brauchen eigentlich die Erwachsenen eine Verkehrserziehung, denn sie sind es ja schließlich, die Auto fahren. Ansatzpunkt sollte aber nicht nur das Verhalten der Erwachsnen sein, sondern das gemeinsame Interesse an einem gesunden und unfallfreien Aufwachsen der Kinder.

4.8 Kooperationspartner
Im Bereich "Kinder und Straßenverkehr" sind zur Zeit diverse lokale und bundesweite Organisationen engagiert. Vor Ort kann sich unter Umständen die Frage nach einer Zusammenarbeit mit einem dieser Vereine stellen. Ob eine solche Kooperation sinnvoll und richtig ist, können nur die aktiven Personen vor Ort entscheiden. Allerdings sollte man sich zuvor vergewissern, ob die entsprechende Organisation mit den Zielen der hier aufgezeigten Mobilitätserziehung übereinstimmt. In Hessen im Rahmen des Projekts "1. Klasse im Verkehr" und in NRW (Düren) bei der Aktion „Kinder sehen es anders" hat es mit DVW und anderen Vereinen schon eine Kooperation gegeben. Insgesamt rät der VCD zur Zeit noch zu Vorsicht bei intensiven Zusammenarbeit mit DVW und DVR. Im Falle lokaler Aktionen sollte dieses Problem undogmatisch gelöst werden. Wichtig ist dabei allerdings, daß deutlich wird, daß sich der VCD für Kinder einsetzt, denn nur wenn der VCD bekannt und stark wird, haben wir reelle Chancen, den Verkehr kindgerechter zu gestalte
n. Neben DVR und DVW gibt es natürlich noch weitere Kooperationspartner, z.B. den Deutschen Kinderschutzbund (DKSB).
Daß eine enge Kooperation mit Automobilclubs, Shell und Mercedes-Benz mehr als problematisch ist, bedarf keiner weiteren Erläuterung.
Außer den Vereinen und Verkehrssicherheitsorganisationen ist natürlich auch eine Kooperation mit sog. offiziellen Stellen möglich und anzustreben. Bei Geschwindigkeitsmessungen vor der Schule, bei Verkehrsprojekttagen oder Radfahrübungen im Stadtteil, bei Verkehrserkundungen und Aktionen im Straßenraum kann die Polizei wichtige Dienste leisten.

5. Fazit

Aus dem bisher Beschriebenen wird deutlich, daß die Mobilitätserziehung noch ganz am Anfang steht und sich nur durch das Engagement der Aktiven (z.B. Lehrer/Innen) entwickeln kann. Nicht immer sind sofort Kontakte zu Schulen möglich, nicht überall werden Lehrer/Innen am VCD und seinen Ideen interessiert sein. Aber dennoch kann vielleicht die eine oder andere Aktion schon einiges bewirken. Wichtiges Ziel der Mobilitätserziehung ist es, die Schüler/Innen zu befähigen, eine reflektierte Wahl der Verkehrsmittel zu treffen und ihnen deutlich zu machen, daß die bestehenden Verkehrsverhältnisse veränderbar sind
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